Pfeifen aus Meerschaum – die weißen Göttinnen

Mit Sicherheit ist Bruyère der weitverbreitetste Rohstoff in der Pfeifenfertigung. Dennoch fehlt wohl in den meisten Sammlungen kaum die Pfeife aus Meerschaum. Mit einer einzigartigen Fähigkeit erfreut sie den Raucher über die Jahre der Benutzung mit einem Farbenspiel, das vom reinen Weiß über ein sanftes Gelb bis hin zu einem rötlichen Braunton reicht.

Meerschaum wird nur auf zwei Fleckchen auf der Erde abgebaut: in einem eher unbekannten Gebiet in Tansania, Afrika und in der Türkei. In einem rund 20 km um der unweit von Ankara gelegenen Stadt Eskisehir reichendem Radius wird hier unter lebensgefährlichen Bedingungen das begehrte Material in tiefen Stollen abgebaut. In der österreichisch-ungarischen Monarchie erlebte der Rohstoff eine Blütezeit für die Pfeifenherstellung.

In Wien, der damaligen Metropole für die Pfeifenproduktion, wurde der Begriff „Meerschaum“ aus der laventinischen Handelsbezeichnung „Mertscavon“ geprägt und unverändert in andere europäischen Sprachen übernommen. Die wissenschaftliche Bezeichnung für das Material lautet „Magnesiumsilikat“ oder „Sepiolith“, bedingt durch die Entstehung durch Ablagerung fossiler Muscheln etc. (Sepia = Tintenfisch).

Bedingt durch ein Verbot der Türkei, unbehandelten Meerschaum zu exportieren, werden heutzutage zumindest die Pfeifenköpfe gleich vor Ort hergestellt. Dazu werden die gereinigten Meerschaumknollen in die groben Umrisse der Pfeifenköpfe zersägt. Während der weiteren Verarbeitung werden die Rohlinge ständig feucht gehalten, wodurch sie ein wachsweiche Konsistenz erhalten und beim Schnitzen nicht splittern.

Anfallende Reste werden zermahlen und mit Kalk und Bindemitteln zu sogenannten „Pressmeerschaumpfeifen“ (Massa-Meerschaum oder auch Wiener-Meerschaum genannt) verarbeitet. Eingeschnitzte Muster verstecken oftmals kleine Fehlstellen im Meerschaum – eine glatte Oberfläche kennzeichnet daher makelloses Material.

Ein „weiße Göttin“ sollte mit Behutsamkeit geraucht werden. Sie mag es gar nicht, wenn man sie mit der bloßen Hand anfasst: durch Handschweiß können hässliche Flecken entstehen. So habe ich mir schon von eigens für diesen Zweck benutzten Seidenhandschuhen erzählen lassen – doch reicht es auch aus, die Pfeife nur am Mundstück anzufassen. Durch Kontakt mit kalten Flächen wie einem Tisch während dem Rauchen können zudem ganz schnell Risse entstehen; das sehr weiche Material verzieht sich aufgrund des Temperaturunterschieds.

Im Gegensatz zur Bruyèrepfeife muss aber keine Kohleschicht zum Schutz des Holzes aufgebaut werden, einrauchen ist also nicht notwendig. Eine Kohleschicht ist sogar unerwünscht, da der poröse Meerschaum die Kondensate nicht mehr aufnehmen kann. Nach dem Auskühlen wischt man den Pfeifenkopf daher kurz mit einem sauberen Tuch aus. Durchbrenner können durch die Feuerbeständigkeit nicht entstehen.

Zugegeben: eine Meerschaumpfeife erfordert eine sehr vorsichtige Behandlung, doch sie wird es mit unverfälschten Rauchgenuss danken. Keine Kohle und kein Holz verfälschen den Geschmack, von der Reinheit und Noblesse mal ganz abgesehen.